Dienstag, 16. Dezember 2008

Die Folgen der Welt-Wirtschaftskrise für den alpinen Tourismus

Die Krisenzeichen sind nicht zu übersehen und die Medien berichten fleißig über Rezession, Pleiten und Kürzungen. Die Automobilindustrie, die bereits seit Jahrzehnten kränkelt, wankt und enorme Umsatzeinbusen im Sektor sind die Folge. Wie bekommt dies unser Tourismus zu spüren? Dabei müssen wir bei den Analysen vorsichtig sein und müssen mit Pauschalurteilen vorsichtig umgehen. Die Zerreißprobe wird sich im nächsten Sommer zeigen – allerdings kann ein Rückgang der Nachfrage auch eine Chance für gute Betriebe und Destinationen sein.

Noch Anfang Oktober befassten sich viele gescheite Leute mit der Frage, ob und in welchem Ausmaß die Finanzkrise die Realwirtschaft in Mitleidenschaft ziehen wird. Aber die Antwort gab schon wenig später die allgemeine Entwicklung: Die Krise ist da. Inzwischen erwarten viele führende hoch entwickelte Staaten für das nächste Jahr eine Rezession, einen allgemeinen Rückgang der Wirtschaftsleistung. Auch Südtirol wird nicht verschont.

Klar ist aber auch, dass nicht alle Sektoren gleich stark betroffen sind. Während die Autobranche blutet und die Bauwirtschaft leidet, melden Unternehmen mit anderen Tätigkeiten einen weiterhin positiven Geschäftsverlauf. Und wie steht es um den Tourismus, von dem in Südtirol ungemein viel abhängt?

Nach einem positiven Verlauf der Sommersaison bis Ende August liegen jetzt die Daten für den Saisonausklang vor. Das Landesinstitut für Statistik (ASTAT) meldet für die Monate September und Oktober einen Rückgang der Ankünfte um 6,4 und der Übernachtungen um 4,0 Prozent. Im gesamten Sommerhalbjahr 2008 wurden stabile Werte bei den Ankünften (+0,2 %) und leicht rückläufige Werte bei den Übernachtungen (-0,8%) registriert. Erstmals seit acht Jahren steht wieder ein Minus vor einem Saisonergebnis. Dies wiegt schwer, auch wenn das Ergebnis des Tourismusjahres 2007/08 positiv ist (1,7 Prozent Übernachtungen mehr).

Für Tourismuslandesrat Thomas Widmann ist die zuletzt registrierte leichte Flaute im Fremdenverkehr noch nicht besorgniserregend. „Wir müssen uns jedoch Gedanken über die globale Wirtschaftskrise und deren Auswirkungen auf den Tourismus machen“, so Widmann. Zum ersten Mal in der Geschichte des Tourismus geht man weltweit nicht mehr von einem Wachstum aus. Es sei anzunehmen, dass der Rotstift auch bei den Urlaubsausgaben angesetzt werde. Dies müsse aber nicht unbedingt schlimm für Südtirol sein: „Wenn wir davon ausgehen, dass Urlaube nicht gänzlich gestrichen werden, sondern in erster Linie auf kostspielige Fernreisen verzichtet wird, dann könnte Südtirol von diesen Umschichtungen sogar profitieren“, so Widmann.

In den Sommerdaten 2008 sieht Widmann keinen Grund, pessimistisch zu sein. Der Grund: „Wir müssen uns vor Augen halten, dass Südtirols Tourismus in den letzten acht Jahren stetig Zuwächse zu verzeichnen hatte. Dies ist in den Alpen das beste Ergebnis.“ Das Wachstum sei durch eine intensive Bearbeitung der Hauptmärkte und neuer Märkte erreicht worden. Auch sorgten neue Einrichtungen, Hotelkonzepte, Veranstaltungen und Themen dafür, dass Südtirol konkurrenzfähig bleibe. Fazit des Landesrates: Es bestehen gute Aussichten, dass Südtirols Wirtschaftsmotor Nummer eins nicht ins Stocken kommt.

Diese Konkurrenzfähigkeit können wir auch in Zukunft bewahren, wenn wir die Attraktivität unserer Angebote und die Begehrlichkeit unserer Standorte aufrecht erhalten. Wir müssen allerdings den Vertrieb und die Verkaufsschienen verstärken und die Buchbarkeit über Internet in den Vordergrund setzen. Der Kunde ist gerade in Krisenzeiten sehr sensibel wie er sein Geld sinnvoll und nachhaltig einsetzt. Dies bedeutet aber nicht dass er lediglich auf Billigangebote anzusprechen ist. Gerade in dieser Hinsicht kann leicht der größte Fehler gemacht werden: in die Preisfalle zu geraten.

Kürzlich traf sich in Nordtirol eine Expertengruppe, die sich intensiv mit dieser Thematik beschäftigt hat. Tourismusberater und verschiedene Unternehmer vom Sektor haben aber auch positive Seiten der Krise aufgezählt. Die Kunden würden am Ende profitieren, denn die Angebote müssten einfach noch besser und überzeugender werden. Der Markt werde aber auch bereinigt. „Überkapazitäten werden verschwinden, das Marketing und der Vertrieb müssen noch intelligenter werden. Am Ende ist die Krise tatsächlich eine Chance für die Branche, ein Prüfstand, der die Guten im Markt noch besser machen wird!“

Im Allgemeinen gilt, dass der Buchungsstand für die eben begonnene Wintersaison 2008/09 in der Ferienhotellerie sehr gut ist, vielfach sogar besser als im vergangenen Jahr um diese Zeit. Krisenanzeichen sind eigentlich nicht spürbar, Stornos werden nur vereinzelt vorgenommen. Einbrüche sind – wenn sich die Rahmenbedingungen und damit die Stimmungslage verschlechtern – frühestens in der zweiten Winterhälfte möglich (aber nicht wahrscheinlich). Das Ergebnis hängt auch von den jeweiligen Herkunftsmärkten ab, wobei britische Gäste am ehesten wegbrechen dürften. In den Städten dürften die Businessgäste weniger werden, denn für den Tagungs-, Kongress- und Incentivetourismus werden für 2009 wie erwähnt negative Auswirkungen prognostiziert.
Die Rezession wird wohl auch im Tourismus zu einem Nachfragerückgang und zu Ausgabeneinschränkungen führen. Insbesondere der Sommer 2009 dürfte auch im Ferientourismus eine recht schwierige Saison werden. Am schlimmsten treffen Krisen qualitativ schlechte Betriebe jeder Kategorie. Gut geführte Betriebe überstehen temporäre Nachfragerückgänge viel leichter. Sie nutzen die Zeit, um ihre Leistungen zu verbessern und die Kosten zu senken. Allgemeine Preissenkungen sind nach übereinstimmender Aussage kein probates Mittel gegen die Krise.

„Die heimische Tourismuswirtschaft befindet sich vor einer Flaute, die durchzustehen einiges an Kraft kosten wird. Tatenloses Zusehen und Jammern werden jedoch die Probleme nicht lösen. Optimismus, Antriebskraft und Mut sind die Eigenschaften, die es in einer problematischen Phase braucht.

In Krisenzeiten haben sich immer jene Unternehmer bewährt, die im Stil selbstbewusster Kämpfer das Jammern ihren Kollegen überlassen haben“, schreibt der Tourismusberater Manfred Kohl in einer Aussendung – und gibt in Anlehnung an Paul Watzlawick folgende „Anleitung zum Unglücklichsein“: Alles gleich machen wie die anderen, auf die Regierung hoffen, fest daran glauben, dass es bergab geht.